Am 6. Mai 2026 hieß es offiziell: CCP Games gibt es nicht mehr. Der Entwickler hinter EVE Online heißt ab sofort Fenris Creations — und ist zum ersten Mal seit 2018 wieder unabhängig. Das klingt nach Unternehmenskommunikation. Ist es auch. Aber dahinter steckt mehr als ein Namenswechsel.
Was sich geändert hat
Der Name ist das Auffälligste. CCP stand für Crowd Control Productions, aber die drei Buchstaben hatten schon länger ein Problem: Verwechslungsgefahr mit der Chinesischen Kommunistischen Partei. In einer Welt mit wachsenden geopolitischen Spannungen zwischen USA und China ist das keine Kleinigkeit, wenn man ein internationales Studio ist. CEO Hilmar Veigar Pétursson hat das selbst so beschrieben — der Name war schon lange ein stilles Hindernis.
Der Name Fenris kommt aus der nordischen Mythologie, aber er ist auch direkt aus der eigenen Geschichte gezogen: Das Studio hieß bei seiner Gründung 1997 zunächst Loki Multimedia — nach dem nordischen Gott Loki, dem Vater des Wolfs Fenrir (Fenris ist ein anderer Name für Fenrir). Erst danach wurde daraus Crowd Control Productions. Keine Marketing-Erfindung, sondern ein echter Rückbezug auf den allerersten Firmennamen.
Neben dem Namen: Fenris Creations ist wieder eigenständig. Die Unternehmensführung hat das Studio am 1. Mai 2026 von Pearl Abyss für $120 Millionen zurückgekauft und führt es seither wieder so eigenständig wie vor 2018.
Das war’s strukturell. Keine neue Führungsebene, keine neuen Studios, keine Entlassungen. Selbes Team, selbe Städte (Reykjavík, London, Shanghai), selbe Spiele.
Fenris Creations vor der Umbenennung: Die Pearl-Abyss-Ära eingeordnet
2018 hat Pearl Abyss CCP Games übernommen: $225 Millionen in bar, dazu bis zu $200 Millionen weitere Performance-Boni — macht einen Gesamtdeal von bis zu $425 Millionen, falls alle Ziele erreicht worden wären. Wurden sie nicht, also blieb es bei $225 Millionen. Am 1. Mai 2026 kaufte sich das Management für $120 Millionen zurück.
Was war das Problem in der Pearl-Abyss-Ära? Es gab keinen einzelnen Skandal. Aber in der Community war die Skepsis real: Entscheidungen, die sich falsch anfühlten. Eine Wirtschaft, die durch schlechte Mechanik-Entscheidungen in die Knie gezwungen wurde. Das Gefühl, dass ein koreanischer Publisher-Konzern nicht wirklich versteht, was EVE ist und braucht.
Hilmars offizielle Aussage war diplomatisch: Pearl Abyss habe dem Studio Raum gegeben, habe Vertrauen gezeigt, und man trenne sich mit gegenseitigem Respekt. Das stimmt wahrscheinlich auch. Aber rechnet man nach — $225 Millionen Kaufpreis gegen $120 Millionen Rückkaufpreis, also $105 Millionen weniger — sprechen die Zahlen für sich. Irgendwas hat in dieser Partnerschaft nicht funktioniert.
Die Entscheidung, die Unabhängigkeit zurückzukaufen, kommt nicht aus einer Position der Schwäche. Fenris hat 2025 rund $70 Millionen Umsatz gemacht, November 2025 war ein Rekordmonat, Q4 2025 das zweithöchste Quartalsergebnis in über 20 Jahren EVE-Geschichte. Das ist die Basis, auf der dieser Rückkauf möglich war.
Was Google DeepMind damit zu tun hat
Gleichzeitig mit der Unabhängigkeit wurde eine Forschungspartnerschaft mit Google DeepMind angekündigt. Google hat dabei eine Minderheitsbeteiligung an Fenris Creations erworben.
Worum geht’s konkret? DeepMind forscht zu KI in komplexen, dynamischen Systemen — langfristige Planung über viele Schritte hinweg, Gedächtnis, kontinuierliches Lernen. EVE Online ist dafür ein ungewöhnlich reiches Testfeld: Eine echte Wirtschaft, Milliarden von Spielerentscheidungen, emergentes Verhalten, das niemand geplant hat.
Die Forschung läuft auf offline Kopien von EVE, die nicht mit dem Tranquility-Server verbunden sind. Sprich: Kein KI-Bot spielt gegen dich im laufenden Spiel. Das ist wichtig — und war wohl auch für die Community-Kommunikation wichtig.
Ob aus dieser Partnerschaft irgendwann echte Änderungen im Spiel selbst entstehen, ist unklar. Der Zeithorizont für KI-Forschung dieser Art ist lang. Für den Moment ist es eine Finanzierungsquelle und ein Forschungsprojekt — keine Ankündigung für das Spiel.
Was sich für EVE-Spieler nicht ändert
Gar nichts. Das ist die kurze Antwort.
Die Entwicklungsteams sind dieselben. Der Fahrplan ist derselbe. EVE Vanguard (der Extraction-Shooter) läuft seit dem 7. Juli in der ersten öffentlichen Alpha-Testphase. EVE Frontier macht weiter. Die Cradle of War-Expansion ist live. Alles davon war schon vor dem 6. Mai in Arbeit — die Umbenennung hat keinen dieser Pläne geändert.
Der Tranquility-Server läuft. Deine Corp lebt. Deine Blueprints, dein Wallet, deine Doctrines — alles unverändert. Und egal ob du seit Jahren dabei bist oder gerade erst überlegst, welcher Spielstil zu dir passt — an dieser Entscheidung ändert eine Umbenennung im Hintergrund nichts.
Warum die Unabhängigkeit trotzdem relevant ist
Ein unabhängiges Studio hat andere Anreize als eine Konzerntochter.
Pearl Abyss hatte Aktionäre, Quartalsergebnisse, ein eigenes Produkt-Portfolio, das Prioritäten setzte. Ein unabhängiges Fenris Creations kann Entscheidungen für EVE treffen, die kurzfristig nichts bringen, aber langfristig richtig sind — ohne dass ein Vorstand in Seoul fragt, wann sich das amortisiert.
EVE ist kein Spiel, das in Quartalen denkt. Es ist ein Spiel, das in Dekaden denkt. Alte Corps und alte Kriege prägen die Politik in New Eden bis heute — Allianzen von vor Jahren bestimmen noch immer, wer mit wem im Krieg liegt. Das funktioniert nur, wenn der Entwickler genauso langfristig denkt.
Als Tochterfirma eines Konzerns geht das schwerer. Als eigenständiges Unternehmen kann Fenris das umsetzen. Ob sie es auch tun werden, zeigen die nächsten Patches, nicht die Pressemitteilungen.
Das Fazit
Für den normalen Spieler: nichts ändert sich im Spiel. EVE läuft, deine Corp läuft, der nächste Patch kommt.
Was sich geändert hat: Das Unternehmen, das EVE baut, hat wieder die Kontrolle über seine eigene Zukunft. Das ist kein Garantieschein für bessere Entscheidungen — aber es ist eine bessere Voraussetzung als vorher.
Fenris, nicht CCP. Aber das Wichtige ist: New Eden ist dasselbe geblieben.