Elf Prozent. So viel zieht die NPC-Startcorp ein, in der du vermutlich gerade sitzt, und dafür schuldet sie dir kein Fleet und kein Intel. Auch niemanden, der merkt, wenn du drei Wochen nicht eingeloggt warst. Eine Spielercorp darf ihren Satz frei wählen, irgendwo zwischen 0 und 100 Prozent. Und ausgerechnet die Anzeigen, die mit 0 Prozent werben, gehören selten zu den Corps, die einen Spieler halten.
Was dich hält, steht in keiner Anzeige: ein Grund, warum es diese Corp überhaupt gibt, und eine Führung, die du tatsächlich erreichst. Dazu kommt der Spielstil. Deckt der sich nicht mit dem, was die Mehrheit dort abends tut, hilft der Rest auch nichts mehr. Fehlt eins davon, sitzt du in vier Monaten wieder da, wo du jetzt bist. Automatisch sogar: Wer eine Spielercorp verlässt und nicht sofort einer neuen beitritt, landet ohne eigenes Zutun in der NPC-Startcorp seiner Rasse.
Die gute Nachricht ist, dass du eine Corp besser prüfen kannst, als die meisten Bewerber glauben. Die Anzeige taugt dafür nichts. Der Betrieb dahinter schon, und den kannst du abfragen.
Warum du überhaupt jemanden brauchst
EVE lässt sich allein spielen, und dabei bleibt die Hälfte liegen. Das ist nüchtern gemeint. Fast alles, was EVE über andere MMOs hinaushebt, ist Gruppenarbeit: Sov-Gebiet, Fleets, Logistikketten, Industrie im großen Maßstab, Kriege. Wer solo bleibt, spielt eine sehr aufwendige Wirtschaftssimulation mit gelegentlichen Explosionen.
Der Beitritt zu einer bestehenden Corp funktioniert deshalb auch nicht wie ein Gilden-Beitritt in anderen Spielen. Du kannst dich bewerben, aufgenommen wirst du nur mit Zustimmung der Corp. Jemand auf der anderen Seite trifft eine Entscheidung über dich, und diese Person hat Gründe. Deine halbe Suche besteht darin, herauszufinden, ob dieselben Punkte auch umgekehrt für dich sprechen. Wer sich diese Abhängigkeit von einer fremden Entscheidung ganz sparen will, kann eine Corp auch selbst gründen — dann entfällt die Bewerbung, dafür trägst du von Anfang an die Verantwortung allein, die hier sonst eine fremde Führung übernimmt.
Ohne Vision bleibt ein loser Haufen ein loser Haufen
Die erste Frage, die ich einer fremden Corp stellen würde, klingt fast unhöflich: Wozu gibt es euch? Die Tätigkeitsliste steht schon in der Anzeige, die interessiert mich an dieser Stelle nicht.
Corps ohne Antwort darauf sterben nicht laut, sie erodieren. Erst kommen weniger Leute zu den Fleets, dann bleibt der Corp-Chat leer. Und irgendwann findest du dich in einer Mitgliederliste wieder, die aussieht wie ein Karteikasten, mit einem CEO, der seit Wochen nicht online war. Ohne Existenzgrund und ohne Pläne bleibt ein loser Haufen ein loser Haufen, egal wie freundlich die Leute im Discord sind.
Eine Vision muss dabei nichts Episches sein. „Wir halten dieses Gebiet und bauen es aus.“ Oder: „Wir fliegen dreimal die Woche Roams und ersetzen die Verluste selbst.“ Eine deutschsprachige Industrie-Corp mit eigener Fertigung tut es genauso. Entscheidend ist, dass mehrere Mitglieder unabhängig voneinander dieselbe Antwort geben. Frag zwei Leute getrennt. Wenn die Antworten auseinanderlaufen, hat die Corp keine Vision, sondern eine Anzeige.
Führung erkennst du an der Antwortzeit
Aktive und erreichbare Führung ist der Punkt, an dem die meisten Corps in der Praxis scheitern, und er ist gleichzeitig der am leichtesten zu prüfende. Du testest ihn während der Bewerbung, kostenlos.
Schreib eine konkrete Frage an die Corp, am besten eine, die eine echte Antwort verlangt. Zwei Dinge misst du damit: wie lange es dauert, bis überhaupt jemand reagiert, und ob die Antwort aus einem Textbaustein kommt oder von jemandem, der den Betrieb kennt. Beides erfährst du sonst erst als Mitglied.
Mechanisch steckt hinter „Führung“ mehr Arbeit, als von außen sichtbar ist. Die CEO-Rolle existiert pro Corp genau einmal, und nur dieser eine Charakter kann die Director-Rolle vergeben oder entziehen. Director wiederum schließt sämtliche anderen Rollen automatisch mit ein und bringt Rechte, die über keine andere Kombination erreichbar sind: Corp-Details ändern, Shareholder-Liste einsehen, Mitglieder werfen. Wenn dieser eine Charakter zwei Wochen nicht online ist, steht ein Teil des Corp-Betriebs still. „Wer vertritt den CEO, wenn er im Urlaub ist“ ist deshalb eine Frage nach der Statik des Ladens.
Spielstil-Fit ist keine Geschmacksfrage
Der häufigste Fehlgriff bei der Corp-Suche hat mit Größe und Region wenig zu tun. Es ist die falsche Tätigkeit. Beispiel aus der Praxis: Der einzige Miner in einer Corp, die jeden Abend Gate-Camps fährt. Das funktioniert ein paar Wochen. Es funktioniert nie ein Jahr. Er verpasst jeden Fleet-Ping, weil er im Belt sitzt, und die anderen erzählen sich Geschichten, bei denen er nicht dabei war.
Umgekehrt gilt das genauso. Wer PvP will und in einer Industrie-Corp landet, wartet auf Content, den dort niemand organisiert.
Prüf deshalb, ob die Mehrheit der Mitglieder tatsächlich das tut, was du magst. Dass es in der Anzeige steht, heißt wenig. Eine Corp, deren Anzeige „Mining, PvP, Exploration, Industrie, Missionen“ auflistet, sagt dir damit vor allem, dass sie jeden nimmt. Schwerpunkt sieht anders aus. Am schärfsten zeigt sich das im Nullsec, wo die Anforderungen an diesen Schwerpunkt noch einmal steigen: Wer dort eine gute Nullsec-Corp erkennen will, prüft genau diesen Punkt zuerst, bevor Sov-Gebiet, Doctrine oder Killboard überhaupt eine Rolle spielen.
Was eine Corp über sich verrät, ohne es zu wollen
Jetzt der Teil, den kaum ein Bewerber nutzt: Der Betrieb einer Corp hinterlässt Spuren, die man erfragen und teilweise direkt nachsehen kann.
Der Steuersatz und sein Ziel. Besteuert werden automatisch Bounties, Missionsbelohnungen und Incursion-Auszahlungen, sobald sie 100.000 ISK übersteigen, plus die Zahlungen aus Project Discovery und den AIR-Tageszielen. Der Abzug geht direkt in die Corp-Wallet. Die Höhe des Satzes sagt dir dabei wenig. Interessant ist der Weg des Geldes. Rechne einen glatten Wert durch: Von 100 Millionen ISK Bounties zieht ein Satz von 10 Prozent, wie wir ihn fahren, 10 Millionen ab. Davon bleiben 3 Millionen in der Corp-Kasse, die restlichen 7 wandern eine Ebene höher zur Allianz. Wer dir seinen Satz nennt, aber nicht sagen kann, wo die zweite Hälfte dieses Weges endet, hat kein Budget, sondern eine Kasse. Und 0 Prozent heißt in aller Regel: Es gibt nichts zu finanzieren, weil nichts betrieben wird.
Die Rollenvergabe. Unter Director liegt ein feingliedriges System, das genau dafür gebaut ist, Zugriff portioniert zu vergeben. Ein Personnel Manager nimmt Bewerbungen an und kommt deswegen noch lange nicht an die Corp-Wallet; ein Station Manager verwaltet die Upwell-Strukturen samt Reinforcement-Zeitfenstern und braucht dafür keine Markt-Orders. Frag ruhig, wie viele Directors eine Corp hat. Eine Corp, in der die halbe Mitgliederliste Director ist, hat nie entschieden, wer was darf, und das ist ein deutlicheres Warnsignal als jeder verlorene Killboard-Eintrag.
Die Mitgliederobergrenze. „Wir sind gerade voll“ sagt dir mehr über den CEO als über die Corp. Der Platz für dich kostet ihn Skillzeit in Corporation Management, 20 Plätze pro Level, und danach genau einen Klick im Corp-Management-Fenster, damit die Erhöhung überhaupt greift. Wer dich damit wegschickt und nichts nachliefert, hat dir gerade vorgeführt, wie schnell er auf Betriebsfragen reagiert. Wer stattdessen sagt „gib mir zwei Tage, ich schieb den Skill hoch“, übrigens auch.
Den Krieg heiratest du mit
Kriegserklärungen in Highsec hängen an Besitz. Ohne eine einzige Struktur, Customs Offices eingeschlossen, ist eine Corp für einen regulären Krieg gar nicht erst erreichbar; mit der ersten Struktur ist sie es, und zwar in beide Richtungen. NPC-Corps dürfen nichts davon besitzen und stehen deshalb dauerhaft außen vor. Wer nach Jahren Pause automatisch in so einer NPC-Corp gelandet ist, sitzt damit im sichersten Wartezimmer des Spiels und darf sich beim Corp-Suchen nach einer langen Pause ein paar Tage mehr Zeit nehmen, ohne dafür etwas zu riskieren.
Das klingt nach einem Argument gegen Strukturen, ist aber vor allem eine Aussage über Angreifer. Ein regulärer Krieg kostet die angreifende Seite 100 Millionen ISK pro Woche an CONCORD, sofort fällig und danach jede Woche wieder, sonst läuft er aus. Dazu muss der Angreifer eine eigene Highsec-Struktur mit Docking als War HQ benennen. Geht die verloren, ist der Krieg ungültig. Niemand zahlt das aus Langeweile. Eine Highsec-Corp mit Strukturen wird deshalb gezielt bekriegt: weil sie etwas besitzt, das sich zu erpressen lohnt, oder weil jemand eine Rechnung offen hat. Zufall ist da selten im Spiel. Beide Gründe solltest du vor dem Beitritt kennen, denn du erbst sie mit.
Was du im Killboard einer Corp als „Krieg“ siehst, liest sich außerdem oft größer, als es war. Mutual Wars kosten nichts, brauchen kein War HQ und keine Kriegsfähigkeit auf einer der beiden Seiten; sie entstehen durch Einladung und Annahme und lassen sich von beiden Seiten jederzeit beenden. Ein verabredetes Duell also, das über die Wehrhaftigkeit einer Corp genau nichts aussagt.
Die ehrlichste Frage, die du stellen kannst, lautet deshalb: Hattet ihr in den letzten sechs Monaten Krieg, und wie ist er ausgegangen? Die Antwort verrät dir mehr über die Corp als jede Doctrine-Liste. Wer sagt „wir sind noch nie bekriegt worden“, betreibt entweder nichts oder war noch nie interessant genug.
Sie prüfen dich in zwei Minuten, du prüfst sie in zwanzig
Geprüft wird beidseitig, nur nicht gleich schnell. Die Corp-Historie eines Charakters liegt offen auf einem öffentlichen ESI-Endpunkt, tokenlos abrufbar.
Was fast kein Bewerber nutzt: Diese Tür geht in beide Richtungen. Nimm den Recruiter, der dir antwortet, und den CEO, dessen Name unter der Anzeige steht, und schau dir deren Verlauf an. Wer selbst alle paar Monate woanders angedockt hat, wirbt gerade für eine Beständigkeit, die in seiner eigenen Historie nicht vorkommt. Das ist kein Ausschlusskriterium, Leute wechseln aus guten Gründen. Aber es ist die eine Frage wert, die im Gespräch sonst nie gestellt wird: Was war beim letzten Mal der Grund?
Die Werkzeuge für die Suche stehen alle im Client: Anzeigen im Recruitment-Tab mit Spezialisierung, Operationsgebiet, Sprache und Zeitzone, das Bewerbungssystem unter „Applications to corporation“, der offizielle Recruitment-Channel, dazu das Recruitment-Center im Forum. Diese Wege kosten die Corp sehr unterschiedlich viel Arbeit, und genau darin liegt ihr Wert für dich. Eine Anzeige schreibt jemand einmal und lässt sie stehen. Im Recruitment-Channel dagegen muss zu deiner Spielzeit ein Mensch sitzen, der reagiert. Nutz die Anzeigen also zum Aussortieren nach Sprache und Zeitzone, bis eine Handvoll Namen übrig ist, und geh mit dem Rest in den Channel.
Die eigentliche Entscheidung fällt danach im Gespräch. Wer dich ohne ein einziges Wort aufnimmt, hat dich nicht ausgewählt, sondern eingesammelt. Achte dabei darauf, wer fragt: Eine Corp mit Betrieb will wissen, wann du online bist, was du fliegen willst und ob das in ihre Abende passt. Sie fragt das, weil sie planen muss. Kommt aus dem Gespräch keine einzige Gegenfrage zurück, plant dort niemand etwas.
Der Dienstag verrät es dir
Ein gewöhnlicher Dienstag, halb neun, angesetzt ist nichts. In einer Corp, die dich trägt, steht trotzdem etwas im Chat. Jemand sucht zwei Leute für einen Frachter-Trip. Zehn Minuten später meldet einer einen Neutralen im Nachbarsystem, und plötzlich sind vier Mann unterwegs. Terminiert hat das niemand. Es passiert, weil die Corp einen Grund hat zu existieren und weil jemand da ist, der aus zwei Zeilen im Chat einen Plan macht. Dass es ausgerechnet die Sorte Abend ist, für die du dich überhaupt eingeloggt hast, kommt oben drauf.
Ohne Vision bleibt der Chat an diesem Dienstag leer. Steht etwas drin und niemand macht einen Plan daraus, fehlt es an erreichbarer Führung. Und wenn der Abend am Ende ohne dich läuft, weil du im Belt sitzt, während die anderen ein Gate campen, dann stimmt der Spielstil nicht.
Diese Auskunft bekommst du nicht durch längeres Lesen von Anzeigen. Also bewirb dich früher, als dir lieb ist: zwei Gespräche, eine abgeschickte Bewerbung, fertig. Der Rest steht im Chatfenster am dritten Abend. Und such dir dabei die Corp, die dir an einem langweiligen Dienstag noch etwas zu tun gibt. Perfekt aussehen kann jede Anzeige.