In einem 1.0er-System kannst du nicht ratten. Nicht schlecht, sondern gar nicht: Bei Sicherheitsstatus 0.9 und 1.0 erscheinen laut EVE-University-Wiki überhaupt keine Belt-Rats, und dort, wo im übrigen Highsec welche auftauchen, ist die Bounty so niedrig, dass das Wiki selbst abwinkt. Ausnahme ist der seltene Spawn, der sich zufällig verirrt.
Damit ist die Frage für die meisten schon beantwortet, bevor sie sie stellen. Mining und Ratting sind keine zwei gleichwertigen Türen, zwischen denen du nach Geschmack wählst. Mining läuft im Imperiumsraum weiter, mit fest verschraubter Obergrenze, aber es läuft. Ratting im eigentlichen Sinn, also NPC-Piraten für Bounties abschießen, ist eine Nullsec-Tätigkeit mit Lowsec-Vorstufe. Wer mit einem Account und einem Charakter unterwegs ist, sollte deshalb minen, solange sein Zuhause in Highsec liegt, und aufs Ratting umsteigen, sobald ihn eine Corp ins Sov-Gebiet holt. Der Umstiegszeitpunkt ist der eigentlich interessante Teil, und die meisten verpassen ihn um Monate.
Mining oder Ratting: Im Imperiumsraum tritt nur einer von beiden an
Es hängt nicht allein an den Belt-Rats. Combat Sites gibt es inzwischen in allen Raumarten, ihre Schwierigkeit skaliert aber mit dem Sicherheitsstatus: Highsec bekommt die niedrigste Stufe, Lowsec die mittlere, die höchste Stufe liegt ausschließlich im Nullsec. Und je niedriger der Status, desto mehr Sites tauchen überhaupt auf. Der Raum, in dem du sicher bist, ist derselbe, in dem am wenigsten zu holen ist.
Mining hat 2020 auch einen Deckel bekommen, nur einen anderen. Das Resource Distribution Update vom 25. September strich sämtliche Ore Anomalies aus Highsec, dazu alle Omber- und Kernite-Varianten. Die Basis-Erze in den normalen Gürteln blieben. Der Unterschied zum Ratting ist genau das: Beim Mining wurde die Decke abgesenkt, beim Ratting steht in Highsec gar kein Raum. Was die Standortwahl beim Erz danach für den Ertrag bedeutet, steht im Vergleich der Mining-Regionen.
Wer also in Highsec sitzt und „Mining oder Ratting“ fragt, fragt in Wahrheit „Mining oder Missionen“, das Duell, das die Methodenübersicht durchrechnet.
Der Einstieg kostet dich Wochen, nicht ISK
Die Venture braucht fast keine Skills, fasst 5.000 m³ Erz und bringt 100 Prozent Rollenbonus auf die Ausbeute mit. Du kaufst sie am ersten Abend und produzierst am ersten Abend. Flacher fängt in EVE keine ernstzunehmende Einkommensart an.
Ratting beginnt mit Warten. Die Vexor ist laut Wiki das mit Abstand gängigste T1-Schiff fürs Belt-Ratting, und dieselbe Quelle rät ausdrücklich, sie erst zu fliegen, wenn Drones IV steht, mit Drones V als nächster Priorität. Das sind keine Stunden. Das sind Wochen Skillqueue, bevor du das Einstiegsschiff überhaupt vernünftig bedienst. Der echte Sprung danach, die Ishtar, verlangt zusätzlich zu den Cruiser-Grundlagen die T2-Klassenfähigkeit Heavy Assault Cruisers und einen weit ausgebauten Gallente Cruiser. Welche Hülle wann trägt und warum die VNI seit ihrem Umbau nicht mehr das Schiff ist, für das viele sie halten, sortiert der Ratting-Guide Hülle für Hülle.
Für die Entscheidung zählt nur der Abstand dazwischen: Mining kostet dich einen Nachmittag Einarbeitung, Ratting mehrere Wochen Vorlauf, bevor die erste vernünftige Bounty fließt. Womit du im Null dann tatsächlich anfängst, ist trotzdem nicht die Ishtar; die Begründung dafür steht beim Leben im Nullsec.
Als Alpha rattest du mit angezogener Handbremse
Hier wird die Asymmetrie unangenehm konkret. CCP hat die Drohnen-Fähigkeiten für Alpha-Klone gezielt beschnitten, offen deklariert als Anti-Botting-Maßnahme, weil massenhaftes paralleles Abfarmen von Nullsec-Anomalien mit Alphas eine verbreitete Bot-Taktik war. Alphas dürfen weiter Drohnen einsetzen, aber mit spürbar reduziertem Gesamtschaden und ohne Zugriff auf Tech-2- oder Augmented-Drohnen. Bereits trainierte Stufen bleiben gesperrt, solange der Charakter Alpha ist.
Für die Mining-Progression gibt es keine vergleichbare, gezielt gesetzte Bremse. Wer also ohne Abo einsteigt und sich zwischen den beiden entscheiden muss, entscheidet sich für Mining, und zwar ohne lange nachzudenken. Drohnen-Ratting zieht erst an, wenn Omega dazukommt. Als Alpha bezahlst du dort für die Sünden von Leuten, die nie an einer Tastatur saßen.
Zwei Risiken, die sich nicht gegeneinander aufrechnen lassen
Beim Highsec-Mining ist das Risiko bekannt und beziffert: Was dich ein Gank am Ende kostet, wenn man Hülle, Fracht und Versicherungssumme gegeneinander stellt, steht schon fest, bevor der erste Schuss fällt. Unangenehm, aber planbar: Du kannst den Wert auf dem Grid drücken und damit deine eigene Attraktivität senken.
Nullsec-Ratting hat kein Netz, das man ausrechnen könnte. CONCORD greift ausschließlich in Highsec ein, an den Gates und Stationen im Null fehlen zusätzlich die NPC-Kanonen. Was dich rettet, ist der D-Scan, ein funktionierender Intel-Kanal und die Frage, ob dein Schiff in der verbleibenden Zeit aus der Anomalie kommt. Das ist kein Fitting-Problem. Das ist ein Organisationsproblem, und du löst es nicht allein.
Genau da liegt der Unterschied, den kaum jemand ausspricht: Highsec-Mining kannst du solo betreiben und die Verluste einpreisen. Nullsec-Ratting setzt eine Gruppe voraus, die Intel meldet, bevor es dich betrifft. Wer die Aktivität wählt, wählt die Voraussetzung gleich mit.
Der Unterschied, den du am Abend merkst
Drohnen folgen dem Befehl „Engage“ ziemlich stur. Sie fliegen zum gelockten Ziel, orbiten, schießen und bleiben dran, bis das Mutterschiff warpt oder mehr als 500 Kilometer zwischen ihnen und ihm liegen. Ein Sentry-Setup läuft deshalb mit deutlich weniger Eingriffen als eine Mining-Session, in der du Laser-Zyklen neu ansetzt, zwischen Asteroiden wechselst und andockst, sobald der Ore Hold voll ist. Bei der Venture ist er nach 5.000 m³ voll, und solo räumt ihn dir niemand weg.
Semi-AFK-Ratting mit Sentry-Drohnen, während im zweiten Fenster Allianz-Adminkram durchläuft, ist im Sov-Gebiet gelebte Praxis und beim Leben im Nullsec beschrieben. Das ist eine Aussage über den Aufmerksamkeitsgrad, keine über den Ertrag und erst recht kein Freibrief. Der D-Scan wird trotzdem geschlagen, siehe oben.
Für dich heißt das: Wenn dein Abend aus Unterbrechungen besteht, Kind, Telefon, zweiter Monitor mit anderem Kram, dann verträgt Ratting das besser als Mining. Wenn du dagegen ruhige, ununterbrochene Stunden hast, spielt dieser Vorteil kaum eine Rolle. Beide Aktivitäten skalieren übrigens mit einem zweiten Account, unabhängig davon, wofür du dich hier entscheidest.
Die Bremse, die nur eine Seite hat
Über den Ratting-Erträgen liegt seit November 2020 das Dynamic Bounty System. Es führt pro System einen Bounty Risk Modifier: Spieler-Tode heben den Multiplikator auf die NPC-Bounties an, NPC-Kills senken ihn langsam wieder Richtung Gleichgewicht, ein leeres System pendelt sich stabil ein. Das ruhige, sichere, von der eigenen Corp brav abgefarmte System zahlt also strukturell schlechter als das, in dem ständig jemand stirbt.
Mining hat keine dynamische Gegenbewegung dieser Art. Sein Deckel ist statisch gesetzt, über Erzverteilung und Sicherheitsstatus. Der praktische Unterschied für dich mit einem Account: Mining-Erträge hängen am Ort, Ratting-Erträge am Ort und daran, was dort in den letzten Tagen passiert ist. Der Tipp mit dem „guten System“ ist beim Ratting deshalb systematisch weniger wert, je öfter er weitergegeben wurde.
Woran du merkst, dass der Wechsel dran ist
Nicht am Skillplan. Am Verhalten. Wenn du drei Abende hintereinander mitbekommen hast, wer im Intel-Kanal was gemeldet hat, und jedes Mal wusstest, wann du besser dockst, dann bist du bereit für die Anomalie. Wenn du stattdessen darauf wartest, dass die Ishtar fertig geskillt ist, wartest du auf das falsche Ereignis.
Und wenn du dich gerade überhaupt nicht entscheiden kannst: Eine Venture kostet dich einen Nachmittag, die Drohnen-Skills für die Vexor kosten dich Wochen. Fang mit dem an, was dich nichts kostet, falls du dich geirrt hast.